Die chinesische Flöte und ihre Folgen
Die Kultur des „Reiches der Mitte“ galt über viele Jahrhunderte für viele Europäer als fremdartig, exotisch und gerade dadurch interessant. So verwundert es nicht, dass der 1907 erschienene Gedichtband „Die chinesische Flöte“ von Hans Bethge bald sechsstellige Verkaufszahlen aufwies. Die wenigsten Leser dürfte dabei gestört haben, dass der Band gar keine direkten Übersetzungen chinesischer Gedichte enthielt. Léon d’Hervey de Saint-Denys und Judith Gautier hatten im 19. Jahrhundert Gedichte aus der Tang-Zeit (7. bis 10. Jahrhundert) ins Französische übertragen, Hans Heilmann hatte Prosaübersetzungen einiger dieser französischen Gedichte ins Deutsche angefertigt und Bethge wiederum diese Übersetzungen nachgedichtet.
Hans Bethge, am 9.1.1876 in Dessau geboren, arbeitete nach seinem Studium der neueren Sprachen und Philosophie zunächst einige Jahre in Katalonien, ehe er sich 1901 als freier Schriftsteller in Berlin niederließ. Den mit „Die chinesische Flöte“ erfolgreich beschrittenen Weg setzte er fort und schuf auch Übertragungen von Gedichten anderer Kulturkreise, so etwa von armenischen, persischen, arabischen, indischen oder japanischen Dichtern. „Die chinesische Flöte“ blieb aber sein populärstes Werk, dessen Gedichte von zahllosen Komponisten vertont wurden, so auch von Gustav Mahler in „Das Lied von der Erde“, der aber wiederum Eingriffe in den Text vornahm, so dass Wortlaut und Inhalt nach der vierten Bearbeitung nur noch wenig mit den chinesischen Originalen zu tun hatten. Auch hier tat das dem Erfolg des Werkes keinen Abbruch: „Das Lied von der Erde“ zählt zu den beliebtesten Werken der Chorsinfonik. Weniger oft als das Original ist die Kammermusikfassung zu hören, die Arnold Schönberg begonnen hatte und Rainer Riehn vollendete. Diese Fassung wurde vom MDR-Sinfonieorchester unter Fabio Luisi mit den Solisten Doris Soffel (Mezzosopran) und Wolfgang Müller-Lorenz (Tenor) eingespielt. Die CD, erschienen als MDR-Edition 7, enthält außerdem Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ in der Kammermusikfassung von Schönberg; Solist ist hier der Bariton Roman Trekel.
Hans Bethge starb 1946 in Göppingen und wurde in Kirchheim unter Teck begraben, wo er die letzten Jahre gelebt hatte; im dortigen Max-Eyth-Haus kann man eine Ausstellung über ihn besichtigen. Wer sich näher mit seinen Schaffensprozessen befassen möchte, findet seinen Nachlass im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.
Zur Website des Max-Eyth-Hauses beim Literaturland Baden-Württemberg