Der unfreiwillige Gewerkschafter
Dass der Name des am 27.1.1901 in Mailand verstorbenen Giuseppe Verdi noch heute oft genannt wird, hat mehrere Gründe. Opernfreunden gilt er als einer der markantesten Komponisten für diese Gattung im 19. Jahrhundert. Ob der Künstler sich freilich auch gefreut hätte, dass sein Name als Akronym einer großen deutschen Gewerkschaft dient, oder ob ihm das eher peinlich gewesen wäre, darüber können wir nur spekulieren. Fest steht, dass in der heutigen Kulturwelt sein Schaffen durchaus in unterschiedlichem Maße präsent ist: Zwar werden viele seiner Opern sehr häufig aufgeführt, aber es gibt einige, die als rare Gäste auf den Bühnen gelten müssen, und was Verdi außer den Opern und dem sehr populären Requiem sonst noch an Musik geschaffen hat, ist ebenfalls weitgehend Stoff für Spezialisten geblieben.
Während man heute die Opern überwiegend originalsprachig aufführt, war es noch über große Teile des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Ländern üblich, übersetzte Fassungen zu verwenden. Das war auch in Dessau so, wo der Heldentenor Dr. Horst Wolf nicht nur in Wagner-Rollen reüssierte, sondern auch viel Verdi sang. Ein Mitschnitt eines Rundfunkkonzertes vom 3.11.1936 bildete die Initialzündung für die Wiederentdeckung von Wolfs Stimme, die nie in offiziellen Aufnahmen festgehalten wurde: Aus dem Mitschnitt konnten Szene und Romanze des Richard aus Verdis „Ein Maskenball“ extrahiert, in einen präsentablen Zustand versetzt und am 31.10.2020 bei der Vorstellung des Buches „Die Wolfserzählung“ mit den Lebenserinnerungen des Sängers abgespielt werden. Auf in der Folgezeit mühevoll und mit viel Liebe zum Detail aufbereiteten Tonbandmitschnitten fanden sich neben viel Wagner-Material auch weitere Verdi-Aufnahmen, u.a. zwei 1955 mitgeschnittene Szenen aus „Aida“ mit Dr. Horst Wolf in der Rolle des Radames, die er während seiner Bühnenkarriere insgesamt 65-mal sang. Diese Mitschnitte können neben solchen aus Opern Wagners, Puccinis und d'Alberts in der 5-CD-Box „Die wiederentdeckte Stimme – Heldentenor Dr. Horst Wolf“ nachgehört werden – und dass das möglich ist, hätte den Komponisten sicherlich gefreut.